An den "Dialog für Österreich"
 
Zielführende Sektendiskussion?
 
Wien, im März 1998
 
Als ich die Broschüre des Familienministeriums, die durch "Wissen schützen" soll, genauer studierte fiel mir eines ganz deutlich auf: Warnungen an jeder Ecke, ja bald in jedem Satz. Der Grundtenor ist: Finger weg! Am Besten nicht anstreifen! Sektenmitglieder sind verblendete, wahrscheinlich gehirngewaschene, abhängige und urteilsunfähige Personen, denen man besser nicht traut.

Ich habe gesucht, aber ich habe in der ganzen Broschüre nichts Positives oder gar Anerkennenswertes auch nur über eine der Gruppen gefunden. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Es geht mir absolut nicht darum Anprangerungswürdiges zu verteidigen oder Verabscheuungswürdiges wie Giftgasanschlag oder Massenselbstmord zu schützen. Es geht mir einzig und allein darum, die Broschüre selbstkritisch an christlichen Maßstäben zu messen.

Immerhin ist bekannt, daß das Referat für Weltanschauungsfragen der Erzdiözese Wien maßgeblich bei der Erstellung dieser Broschüre beteiligt war und auch die dort gemachten Aussagen voll unterstützt. Diese Lektüre wird als "Aufklärung" auch von der Kirche wärmstens für Eltern und Jugendliche empfohlen.

Mir ist allerdings nicht bekannt, daß ein Pfarrer, ein Bischof oder eine andere Autorität der Kirche jemals die Einseitigkeit dieser Berichterstattung bemängelt hätte, die sie meiner Meinung nach als "Aufklärungsschrift" disqualifiziert.

In diesem Zusammenhang drängen sich mir, nicht nur weil die ausgehende Fastenzeit auch die Zeit der Besinnung und Versöhnung ist, sondern weil es eine essentiell christliche Angelegenheit ist, folgende ernsthaft diskussionswürdige Fragen auf:

1. Hat uns Jesus jemals gelehrt, im Anderen nur das Schlechte sehen zu dürfen?

2. Wie würde Jesus, der selbst von der damals herrschenden Amtskirche - der jüdischen Religion - als Sektierer verfolgt und schließlich in einem öffentlichen Schaumord hingerichtet wurde, mit derartigen Gruppen umgehen?

3. Ist hier überhaupt eine "Diskussion" im Gange oder bloß eine einseitige Aburteilung des Schwächeren von Seiten des Stärkeren?

4. Welches sind die CHRISTLICHEN, das heißt, die an Gottesliebe und Nächstenliebe gebundenen Mittel, um einer solchen Herausforderung zu begegnen?

5. Bezieht sich das 5. Gebot: "Du sollst nicht töten" nur auf den körperlichen Mord oder auch auf eventuellen Rufmord?

6. Wie ist das in diesem Zusammenhang einerseits mit dem Splitter im Auge des anderen und mit dem Balken im eigenen Auge, andererseits mit dem entwaffnenden Wort Jesu: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein"?

Das sind nur einige Fragen, die nicht nur mich beschäftigen.

 

Sowohl als Diskussionsbeitrag als auch zum Nachdenken möchte ich noch folgende Zitate hinzufügen:

" Österreich, so sagt man, benötige einige Modernisierungsschübe. In der Regel meint man damit, daß mehr Glasfaserkabel verlegt und mehr Handys verkauft werden sollen. Daß auch so etwas wie eine geistige Modernisierung und Mobilität geboten sein könnte, kommt selten in den Sinn. Beobachtet man die intellektuelle Debatte, kommt man mnchmal zu dem Schluß, daß mit der Modernisierung, das heißt mit der Aufklärung, überhaupt erst einmal begonnen werden muß.

Ein weiteres Beispiel für den Nachholbedarf in Sachen demokratischer Grundrechte ist die Angst durch eine warnende Broschüre des Jugend- und Familienministeriums provozierte Diskussion über Sekten. Daß in der Fernsehsendung "Zur Sache" ausgerechnet ein Vertreter der katholischen Kirche den Sekten unwidersprochen vorwerfen durfte, ihnen gehe es nicht um spirituelle Angelegenheiten, sondern auch um Macht und Geld, und ihre Lehren fußten nicht immer auf der Vernunft, konnte noch als unfreiwillige Selbstentlarvung gewertet werden. Aber daß der Staat überhaupt sich genötigt sieht, seine Bürger zu "informieren", wo sie ihre metaphysischen Bedürfnisse eher nicht befriedigen sollten, zeigt eine bedenkliche Auffassung von dem, was unter Glaubensfreiheit zu verstehen ist."

(Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Kulturkritiker, Der Standard, 15.11.96)

 

"Der Blick in andere Zusammenhänge zeigt, daß die Sektendiskussion nicht nur hierzulande im Schwange ist: So war das Stichwort "Sekten" während der Ökumenischen Versammlung in Graz ausgesprochen und unausgesprochen präsent. Vor allem die Aktivitäten religiöser Gruppierungen unterschiedlicher Provenienz in der ehemaligen Sowjetunion ließ die Zornesadern auf orthodoxen Stirnen ordentlich anschwellen. ....

Dort wo die Katholische Kirche klein und aufstrebend ist, gerät sie selbst unter Verdacht. Auch dies war in Graz zu spüren: Wenn Russisch-Orthodoxe sich über Sekten ärgern, waren die Katholiken oft mitgemeint. Das kürzlich von Präsident Jelzin nicht unterzeichnete Religionsgesetz Rußlands ist jedenfalls gerade vor dem Hintergrund der Sektenproblematik zu verstehen. (Otto Friedrich in: Die Furche, 31.7.1997)

 

Auch in Österreich interessieren sich viele Menschen zunehmend für religiöse Gruppierungen, die nicht im herkömmlichen Sinn christlich sind. Wir fanden hier einen Leerraum vor und das ist nicht zufällig. Die Verringerung der konfessionellen Zugehörigkeit in Österreich ist unumkehrbar. Die Leerräume werden besetzt. Konkurrenz zieht ein. Zehntausende Religionsagenturen werden weltweit um einen Markt kämpfen, der noch größer werden wird.

Daß die Menschen in der katholischen Kirche keine Autorität finden, bezweifle ich. Deswegen rennen uns die Leute nicht davon. Sie finden keine religiöse Erfahrung mehr. Deswegen rennen sie weg. (Adolf Holl, News, 35/97)
 
 

These 3: Konservative wie Progressive treiben in seltsamer Gemeinsamkeit die Sehnsüchtigen weg von der Kirche und hin zu den Sekten, Esoterik, Buddhismus, Islam. An den Sekten sind nicht die Sekten schuld, sondern die Christen. Die diversen Sektenreferate der Kirche(n) sollten, statt auf der Gefährlichkeit der Sekten herumzureiten, lieber mit der offensiven Verbreitung des wahren Christentums sich befassen. Mir fehlen die Harekrishnas in allen Gassen, Pfui, die Sekten sind Menschenfänger. Aber genau das sollten die Christen doch auch sein.

(Günther Nennung, News, 35/97)

 

Mit freundlichen Grüßen

Johann Stampf