Seit 3 Jahrzehnten geht sie um, die Angst vor den Sekten. Immer wieder neu entfacht mit Gruselgeschichten aller Art. Von wem? Na von wem schon? Von Leuten, die sich als "Sektenexperten" betrachten. Da gibt man freimütig allem, was irgendwie behauptet mit Gott oder Religion - Außerirdische tun es auch - etwas zu tun zu haben, den klingenden Namen: SEKTE. Selbstverständlich sind die sogenannten "anerkannten Religionsgemeinschaften" über eine derartige Zuordnung in jeder Weise erhaben.
Sekte, das ist die Bezeichnung für einen sehr aufnahmefreudigen Topf, der vor allem nicht zu klein bemessen ist. Die maßgeblichen Sektenhetzer haben ihre Strategie über die letzten Jahrzehnte immer treu durchgehalten. Sie sind streng nach folgendem Rezept vorgegangen:
Man nehme:
alles, was man Negatives über Glaubensgruppen hört, (wie gesagt: anerkannte Religionsgemeinschaften ausgenommen) und liste es gewissenhaft auf.
Dann gebe man einen gehörigen Schuß Mißtrauen dazu indem man sagt: "Vorsicht, diese Leute sind persönlichkeitsgeschädigt und gehirngewaschen und daher höchst unberechenbar und gefährlich, also: Hände weg davon!" Danach mische man alles gut durch.
Anschließend gehe man zum radikalen Ende des selbstgezimmerten Sektenbegriffes und suche dort nach Fakten über eindeutige Verbrechen, wie Giftgasanschlag, Massenselbstmord u.dergl. (Derartiges findet man viel leichter als man glauben möchte, undzwar beispielsweise am radikalen Ende von politischen Richtungen (rechts- und linksradikale). Das gibt es offensichtlich auch bei radikalen Künstlern und man findet sicherlich auch korrupte Wirtschaftler und als verantwortungslos geltende Wissenschaftler. Natürlich gibt es das auch in der Religionsgeschichte, wie beispielsweise den "Heiligen Krieg" bei den Moslems aber auch in unserer mitteleuropäischen Kirchengeschichte, wo sich Glaubenskriege, Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennungen über Jahrhunderte hinzogen.
Man vermenge nun die neugefundenen Zutaten gut mit dem bereits bestehenden Gemisch aus Negativität und Mißtrauen und koche es unter ständigem Umrühren solange auf, bis alles schön weich geworden ist. Das ergibt dann die folgende Wundermischung: Wenn in einer der Gruppen freier Sex praktiziert wird, so geschieht das automatisch überall. Wenn es in einer der Gruppen zu Drogenmißbrauch kommen sollte, so ist diese Information eine willkommene Zutat für alle. Wenn nun eine extreme Gruppe gar einen Giftgasanschlag verübt, so ist das natürlich auch allen anderen zuzumuten. Gleiches gilt selbstverständlich auch für Massenselbstmord und ähnlich Grauenhaftes, was in radikalen Sekten ja auch tatsächlich geschah.
Nun sind aber nachweislich die weitaus meisten Mörder, Drogensüchtigen, Räuber, Vergewaltiger, Betrüger u.dergl. eindeutig im sektenfreien Raum zu finden. Dort werden sie auch durchwegs von der Justitz und anderen amtlichen Stellen, mit einem gewissen Bevölkerungsprozentsatz miteingerechnet. Passiert aber derart Unentschuldbares in einer dieser bunt und willkürlich zusammengewürfelten Gruppen, die einheitlich als "Sekten" gebrandmarkt werden, wird damit der Sekteneintopf um eine neue, markant würzige und griffig klingende Zutat reicher. Was dabei herauskommt, ist im wahrsten Sinne des Wortes, ein Eintopf.
Die Sektenexperten tun sich heute sehr schwer, diesen selbstgebrauten Eintopf wieder aufzuschlüsseln und die einzelnen Zutaten wieder dort einzuordnen, wo sie hergenommen wurden.
Wenn sie nun bei Anti - Sektenveranstaltungen den verwirrten Zuhörern zu erklären versuchen, was mit dem Wort "Sekte" denn gemeint ist, so hört man dann auch von Doktoren und hochstudierten Leuten: "Eigentlich ist der Begriff "Sekte" nicht so gut und wir möchten von dieser Bezeichnung wegkommen". Sie ziehen für diese Bewegungen die Bezeichnung "Weltanschauungsgruppen" vor. (Was immer das auch sein mag? Irgendeine Weltanschauung hat doch praktisch jeder Mensch - deswegen gehört man doch noch nicht so einer abscheulichen Sekte an). Also auch nicht besonders schlau.
Diejenigen unter den "Experten", die offenbar bereits fest an das glauben was sie da verzapfen, schlagen vor, diese Gruppen einheitlich "destruktive Kulte" zu nennen. Damit hätte man gleich zwei Fliegen mit einem Schlag. Erstens wird wieder erfolgreich Angst erzeugt, denn weder das Wort "destruktiv" noch das Wort "Kult" sind sonderlich vertrauenerregend. Zweitens erspart man sich auf diese Weise die Arbeit, die angesprochenen Gruppen wirklich genauer anzusehen, so nach der Devise: Vorsicht, das könnte ja echt gefährlich sein!
Man versuchte also weiterhin Angst zu machen, was auch promt gelang. Es gelang sogar so gut, daß man das Familienministerium davon überzeugte, mit viel (Steuer?)Geld und Aufwand eine angstschürende aber ansonsten eher nichtssagende Broschüre herauszugeben, die, vor lauter Angst, promt auch keine wirklichen Autoren zu nennen wagt. Bei genauerer Betrachtung des Inhalts ist das auch kein Wunder. Für einen derartigen Schmus wird wohl kein seriöser Experte seinen Namen hergeben. Gerichtliche Erkenntnisse und gewissenhafte wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse, die es über einige Gruppen in durchaus annehmbarer Zahl gibt, mußten peinlichst ignoriert werden. Hätte man sie einbezogen, wäre die "Angstmache - Strategie" nicht länger durchzuhalten gewesen.
Was bei solch angstmotivierten Rundumschlägen dann herauskommen kann beschreibt eine Lehrerin aus Salzburg, die einen Schulungslehrgang über Sekten mitmachen mußte. Sie wandte sich in einem Leserbrief an die "Salzburger Nachrichten", wo dieser am 27. 1. 98. unter dem Titel: Zu "Sekten, Schule und Proteste" vom 14. 1. auch veröffentliche wurde. Darin heißt es,
Zitat: "Wenn Lehrer dagegen protestieren, an einer Fortbildung über Sekten verpflichtend teilnehmen zu müssen, gehören sie - laut Ansicht des Landesschulrats - wahrscheinlich selbst solchen Glaubensgemeinschaften an. Es ist sehr erfreulich und motivierend, diese Einschätzung unserer vorgesetzten Dienstbehörde via Zeitung zu erfahren". Die mutige Lehrerin berichtet dann weiter, daß am 23. Dez. 97 nach vormittäglicher Weihnachtsfeier mit Kuchen, Liedern und Kerzen, der Schulbetrieb bis 17.20 Uhr mit der Begründung fortgesetzt werden mußte: die Schüler hätten ja ein Anrecht auf den Unterricht. Danach heißt es, Zitat: "Aber was war am 13. Jänner? - Mitten in der stressigen Zeit, vor Semesterschluß, schließen plötzlich alle Schulen des Bezirks die Pforten - für einen ganzen Tag! Und wofür?
Der erste Referent, der einen anderen Referenten vertreten mußte (was uns des Langen und Breiten erklärt wurde) knallte uns eine Overhead-Folie nach der anderen auf den Projektor, die er uns dann vorlas. Der zweite zerbarst fast vor Begeisterung über seine eigene Komik, die ich grundsätzlich nicht empfand und angesichts des Themas schon gar nicht nachvollziehen konnte.
Einzig eine Mutter - die dritte Referentin - die sehr berührend über ihre Erfahrungen mit einer Sekte berichtete, war mir die Zeit wert, die das Referat dauerte.
Die Veranstaltung dauerte zwei Stunden! Und dafür war an unseren Schulen den ganzen Tag unterrichtsfrei."Ich ersuche die Verantwortlichen für diese Veranstaltung, mich in Zukunft mit qualitativ derart minderwertigen, verpflichtenden Fortbildungsveranstaltungen zu verschonen und mir und vor allem meinen Schülern nicht mehr die Zeit zu stehlen! Übrigens: Ich gehöre keiner Sekte an!"
Auf die Sektenexpertenarbeit scheint das Goethe-Wort zuzutreffen: die Geister, die sie riefen werden sie jetzt nicht mehr los. Sie können nicht mehr stoppen, was sie begonnen haben. Aber auf Dauer werden sie auch nicht verheimlichen können, was sie angerichtet haben.
Mehr und mehr Leute beginnen heute, sich selbst zu überzeugen. Heutzutage ist es nicht mehr nötig sich der so oft betonten "persönlichen Gefahr" auszusetzen und eine als gefährlich gebrandmarkte Gruppe selbst besuchen zu müssen. Dank Intenet und E-Mail gibt es ganz ungefährliche Wege, sich von den Vorstellungen einzelner Gruppen ein eigenes Bild zu machen. Die Statistik der Vereinigungskirche, von den Sektenexperten, ihrem Lieblingsvokabular entsprechend auf Mun -"Sekte" umgetauft, verzeichnete im Monat Jänner 1998 ca. 3000 Zugriffe allein auf ihre deutschsprachige Homepage pro Tag. Das sind im Schnitt immerhin rund 120 Zugriffe pro Stunde und 2 pro Minute. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, daß das Interesse, trotz, oder vielleicht sogar wegen der Öffentlichkeitsarbeit der Sektenexperten, doch sehr groß ist.
Es wäre schön, wenn das Familienministerium zu diesem Thema auch einmal die Arbeiten von wirklich seriösen Religionswissenschaftlern wie Prof. Schwarzenau, Prof. Redhardt, Prof. Löw, den amerikanischen Religionswissenschaftlern Richardson und Rubenstein sowie Dr. Küng, Dr. Röhr, Dr. Geldbach, DDr. Fischer, Dr. Neumann, Dr. Hahn, Dr. Möller, Dr. Flasche, Dr. Pölz, Dr. Witteveen und vielen anderen, veröffentlichen würden. Alles Fachleute, die sich mit dieser Thematik ernsthaft und vor allem wissenschaftlicher Gründlichkeit verpflichtet auseinandergesetzt haben. Ob sich danach, die heute so lauthals in die Welt hinausschreienden Sektenexperten noch "Experten" nennen würden? Keine Angst, sie würden wahrscheinlich nicht vergehen. Vielleicht würde sich der harte Kern unter ihnen noch enger zusammenschließen und, sich selbst outend, als Angehörige der "Sektenexperten-Sekte" zu erkennen geben. Sie gehen ja, treu ihrer Tradition folgend, seit Jahrzehnten genau nach den Methoden vor, die sie bei anderen Gruppen so eifrig als "sektiererisch" anprangern. Für andere mag diese Erkenntnis sehr heilsam sein. Vielleicht würde einigen von ihnen zum ersten Mal so richtig bewußt werden, daß sie ihre Kraft hauptsächlich aus einem ganz speziellen Gericht bezogen haben, nämlich: aus dem durch oftmaliges Aufwärmen immer besser und besser schmeckenden Sekteneintopf.