"Wir brauchen ein Gesetz, und nach diesem Gesetz darf es sie nicht geben - die Sekten!"

Nachdem die Familienwerte in den letzten Jahrzehnten unter verschiedenen Deckmäntelchen (Demokratie, Freiheit,
Selbstverwirklichung, Hochhalten von Arbeitsplatz und Wirtschaftsaufschwung u. dergl.) lange genug vernachlässigt und
systematisch demontiert wurden - auch die Kirche hat sich dabei auffallend elastisch angepasst - entdeckt nun der Familienbund nun einen Weg, den Familien zu helfen. Mehr Geld für die Familien soll es sein und, ach ja, besserer Schutz vor Sekten und Gewalt in den Medien. Diese Forderungen sind so wichtig, daß darüber das zur Zeit laufende Volksbegehren eingeleitet wurde.

Was auf den ersten Blick wie eine wunderbare Sache aussieht, entpuppt sich jedoch beim zweiten Hinsehen als verführerischer
Wolf im Schafspelz. Ich kann es leider nicht anders bezeichnen. Was ist denn das klassische Wesen der Verführung oder der
Versuchung? Es ist das Vorschieben und Schmackhaftmachen von tollen erstrebenswerten Genüssen, die, wie die Bibel sagt,
"im Mund gut schmecken". Aber welche Nebenwirkungen werden sie im Magen und danach auslösen?

Eines hat sich in der Geschichte immer wieder scheinbar bestens bewährt - ein böser Feind, einer, dem man anlastet diese
Gesellschaft schamlosest zu mißbrauchen, ein Sündenbock, an den man postwendend seine soeben geweckten und als
rechtmäßig empfundenen Rachgefühle auch gleich wieder loswerden kann.

Solche Zwangs-Allesschlucker hat es in der Geschichte in großer Zahl gegeben. Ob aber die Welt danach besser wurde?

Zur Zeit von Herodes und ca. dreißig Jahre danach, zur Zeit von Pontius Pilatus, war ein ganz prominenter unter ihnen kein
Geringerer als Jesus. "Wir haben ein Gesetz und nach diesem Gesetz muß er sterben!" (Joh. 19:7) Mit dieser Begründung
überzeugten die Gesetzeshüter des "Auserwählten Volkes" Pilatus, Jesus zur Kreuzigung freizugeben.

Damals lautete die höhnische Bezeichnung, die auf das Triumphsymbol der von Dunkelheit umgebenen Sieger geheftet wurde:
"Jesus von Nazareth, König der Juden."

Im Rom der jungen Christengemeinde war der Fisch eines der Zeichen, der die grausamen Menschenschauspiele im Zirkus
rechtfertigte. Im Rahmen von Volksbelustgungsfesten wurden die damals als Sekten angeprangerten Jungchristen mit
öffentlicher Unterstützung im Kampf für die Gerechtigkeit erbarmungslos auszulöschen versucht.

Im Mittelalter gab es die lodernden Scheiterhaufen, die vor dem Menschen und dem Himmel als Zeugen der Hexenverfolger
und deren "Sieg über das Böse" zum Himmel schrieen. Im zweiten Weltkrieg wurde der Feind mit einem Stern gekennzeichnet.

Es ist unglaublich, aber ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß mit dem Familienvolksbegehren der "Volkswille"
amtlich belegt werden soll: "Wir brauchen ein Gesetz und nach diesem Gesetz müssen sie sterben - die Sekten!"

War die Festschreibung der ersten Stufe dieses Gesetzes trotz zahlreicher bekundeter Bedenken einfach vom Parlament
durchgedrückt worden, so holt man sich für die nächste Stufe - diesesmal gut verpackt in ein Familienvolksbegehren - nun die
rechtmäßige Unterstützung vom Volk. Die Verführung dabei liegt darin, daß man das "Volk" dazu verleitet, den Mammon zu
wählen. Das unweigerlich mitgelieferte Einverständnis zur alle demokratischen Grundrechte sprengenden Verschärfung des
Antisektengesetzes ist nebenbei mitzuschlucken - nach dem Motto: Entweder ihr nehmt die Punkte des Volksbegehrens so wie
sie sind oder ihr bekommt gar nichts, auch keine kostenlosen Zahnspangen - einen Punkt herauszunehmen oder auch nur
abzuändern ist nicht möglich!

Geht es in diesem vierten Punkt des Volksbegehren nun um den Schutz der Familien vor Gewalt, Verbrechen und anderen
zerstörerischen Einflüssen oder einfach nur darum, einen Gesellschaftsfeind zu finden und dingfest zu machen?

Der Kampf gegen "Gewalt und Sex" in den Medien ist doch ein eher auswegloses Unterfangen, solange die konsumierenden
Zuschauer (und die kommen doch aus österreichischen Familien oder nicht? ) mehr davon haben wollen und die
Fernsehanstalten sich an Einschaltquoten orientieren. Dieser Punkt steht zwar im Volksbegehren, aber ich merke keinen
wirklichen Ansatz, daß dieses Thema ernstlich angegangen wird. Ein wirksamerer Schutz für Familien wäre, etwas dagegen zu
unternehmen, daß in unserer Gesellschaft nicht die egoistisch motivierte schnelle Befriedigung und die materielle Raffsucht so
hoch gehoben werden.

Auch die Bemühungen gegen Pornografie, Kinderschändung und all die anderen wirklich familienzerstörenden Einflüsse aus
dem Internet (bis hin zu Bombenbauplänen) schrumpfen letztlich zu einer zahnlosen Forderung zusammen.

Prallt nun der Kampf gegen Gewalt, Mißbrauch und Sex bei den Mächtigen ab, so bieten sich noch immer die Minderheiten -
in diesem Fall religiöse - als sehr willkommenes Ventil an, über das man den Überdruck ablassen kann.

Auch das Volk Israel wurde vor eine schicksalshafte Wahl gestellt - entweder der als Verbrecher verurteilte Barabbas oder der als familienzerstörender Sektierer hingestellte Minderheitenführer Jesus. Das Volk entschied sich bekanntlich für Barabbas. Und so kam damals flugs das Gesetz zum Zug, das den glatten Mord an Jesus kurzerhand als "Gute und ausnehmend lobenswerte
patriotische Tat" ausweist.

Mag mir einmal jemand erklären, wie mit einem millionenverschlingenden, groß angelegten Kampf gegen kleine
Glaubensgemeinschaften die Probleme der Jugend, der Ehegemeinschaft, der Familie, der Wirtschaft und der Umwelt, des
Egoismus und der Gier in unserer Gesellschaft gelöst werden können? Diese Probleme sind doch in unserer eigenen politischen
und religiösen Geschichte gewachsen. Sie sind über die Jahrhunderte hin zu dem geworden, was sie heute sind. Es können doch nicht die erst in den letzten Jahrzehnten entstandenen Glaubensgemeinschaften daran "Schuld" sein. Daher wage ich zu
behaupten, daß selbst eine gelungene Ausrottung dieser Gemeinschaften am eigentlichen Problem auch nicht das geringste zu
ändern vermag.

Wollen wir uns nun bemühen, das Problem an der Wurzel zu fassen, dann müssten wir allerdings auch bei uns, unseren
liebgewonnenen Sehnsüchten, Traditionen und Wertvortstellungen anfangen! Oder genügt es, den Zorn über diese Probleme an den Sekten auszulassen? Genügt es, eine in klingende Silberlinge verpackte Forderung zu bejahen, um sich damit die gesetzliche Verfolgung von Andersdenkenden zu erkaufen?

                                                                                                                                                               J.St.