Scheidung beendet die meisten Ehen nicht!

13. Dezember 2001
By Cheryl Wetzstein
THE WASHINGTON TIMES
http://www.washingtontimes.com/culture/20011213-68501520.htm



Rund 30 Jahre nach dem Beginn der amerikanischen Scheidungs-Revolution kommt eine Langzeitbeobachterin zu einem ungewöhnlichen Ergebnis: Scheidung beendet die meisten Ehen nicht.

Stattdessen treten Paare in den Zustand einer "Nachehe" ein, sagt die Langzeitscheidungsanwältin Anita Wyzanski Robboy.
"Scheidung ist eine legale Fiktion" sagt Frau Robboy, die Autorin des neuen Buches "Aftermarriage: The Myth of Divorce " (Nachehe: der Scheidungsmythos) herausgegeben von Alpha Books.

Eheleute denken oft, dass sie nach der Scheidung voneinander frei seien, aber die einzigen beiden Dinge, die eine Scheidung gewöhnlich beendet, sind das eheliche Zusammenleben und die ehelichen Rechte, sagt Frau Robboy.

"Die Pflichten und Obligationen setzen sich auch nach einer Scheidung fort," oft bis zum Tod, sagt sie. Alimente, Unterstützung der Kinder, Ausbildung der Kinder, Sorge um deren Gesundheit, Besitz und Vermögen, Geschäfte, Familien Wiedervereinigungen, Hochzeiten, Gedenktage, Geburtstage, Beerdigungen sind nur einige der Tausenden von Dingen, die weiter bestehen.

Die einzigen Paare, die einer solchen Nachehe entgehen, sind diejenigen, die nur kurz verheiratet waren, keine Kinder haben und ihr Eigentum und ihre Leben nicht zusammengeführt haben. "Alle Ehen mit Kindern und Ehen mit langer Bestandsdauer besitzen eine Nachehe" sagt Frau Robboy, die in ihrer 27jährigen Praxis als Familienanwältin bei Schnader Harrison Goldstein & Manello in Boston Tausende von Ehescheidungen gesehen hat.

In einem vor Kurzem gegebenen Interview in Washington sagte Frau Robboy, sie schrieb ihr Buch um scheidungswillige Paare über die Tatsache dieses Zustandes der Nachehe aufzuklären. So viele Paare kamen in mein Büro, die dachten, dass eine Scheidung "alles beenden" oder ein Gericht die gerechte Strafe aussprechen werde.

Keines von beiden trifft zu. Eine Scheidung arrangiert lediglich einige Umstände des täglichen Lebens und der Tag bei Gericht bringt bloß eine temporäre Beruhigung in die Angelegenheiten, "er ist nicht ein Tag einer gerechten Abrechnung" sagte sie. Zahlreiche Scheidungssprüche führen zu einem "äußerst aktiven Nachleben".

Frau Robboy warnt die Scheidungspaare auch, dass die Art ihrer Ehe vor der Scheidung sich höchstwahrscheinlich auch in ihrer Nachehe fortsetzen wird, außer die Partner können bewußt die Dynamiken verändern.

Wenn beispielsweise Ehepartner vor der Scheidung liebenswürdig und verlässlich zueinander waren, so werden sie das höchstwahrscheinlich auch in ihrer Nachehe sein. Waren sie aber bereits vor der Scheidung sehr unsensibel, streitsüchtig und rechthaberisch, so wird sich das aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrer Nachehe fortsetzen.

Daher ist es ein "Mythos", dass eine Ehescheidung die Eheprobleme "beendet", sagt Frau Robboy, die sagte, sie wollte ihrem Buch ursprünglich den Titel "Bekenntnisse einer Scheidungsanwältin" geben.

Ihr Buch kommt in einer sehr stressigten Zeit für die Familien. Feiertage wie Weihnachten sind Familienfesttage, genau das, was geschiedene Familien nicht mehr haben. Vielmehr müssen die meisten geschiedenen Eltern gerichtsverodnete Verpflichtungen erfüllen, Besuche mit ihrer(m) "Ex", bittersüsse Weihnachtsfeiern mit ihren Kindern, und Erwartungen von der früheren oder neuen Familie.

Familienberater, die Webseiten mit Tips für die Handhabung solcher Feiertage veröffentlichen, warnen, dass Traurigkeit, Frustration, Ressentiment und Feindseligkeiten bei geschiedenen Erwachsenen und deren Kindern plötzlich auftreten können, gleichgültig ob die legale Scheidung vor zwei oder zehn Jahren stattgefunden hat.

Das Angstpotenzial in den USA ist größenmäßig abschätzbar: laut www.divorcemag.com , wo staatliche und private Statistiken gesammelt und veröffentlicht sind, gab es im Jahr 1998 19,4 Millionen geschiedene Erwachsene. Im Schnitt waren geschiedene Paare 11 Jahre verheiratet und pro Jahr sind 1 Million Kinder von neuen Scheidungen betroffen. Soweit die Auskunft dieser Webseite.

Staatliche Statistiken zeigen, dass zwischen 1940 und 1966 die Scheidungsrate in den USA ca. 2,5 auf 1000 Einwohner betrug, nur gleich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges stieg diese Zahl etwas höher. (Zu den 1000 Einwohnern zählen alle, vom Baby bis zum Greis)

Nach 1966 jedoch nahmen die Scheidungen ständig zu, bis sie 1981 einen Hochpunkt von 5,3 pro 1000 Einwohner erreichten.

In den vergangenen 20 Jahren gingen die Scheidungen wieder zurück und 1998 waren es 4,2 pro 1000 Einwohner. Es werden aber noch immer über 1 Million Scheidungen pro Jahr registriert, eine Statistik, die sich seit 25 Jahren nicht geändert hat.

In einem in Kürze erscheinenden Buch spricht auch die Forscherin E. Mavis Hetherington über die Fehlvorstellungen über die Jahre nach der Scheidung.

"Allgemein herrscht die Vorstellung, dass eheliche Versagen als einmaliges Ereignis eingestuft werden können, als etwas, das temporäre begrenzte Auswirkungen hat", schreibt sie in ihrem Buch "For Better or For Worse: Divorce Reconsidered," published by W.W. Norton & Co and co-authored by John Kelly.

Das bedeutet: "Geschiedene leiden nach ihrer Scheidung, genesen von ihrem Leiden und leben danach geheilt weiter" schreibt Frau Hetherington, eine emeritierte Psychologieprofessorin der Universität von Virginia.

Nach einer 30jährigen Beobachtungszeit von 1400 betroffenen Familien ist "diese Sicht ungenügend", schreibt sie.
"Eheliche Verfehlungen können nicht als einmalige Angelegenheit verstanden werden; sie sind vielmehr Teil einer Serie miteinander verbundener Situationen auf dem Weg der Lebenserfahrungen, die zu einer Scheidung führen", sagt sie.
Frau Hetherington, die in ihrem Buch auf drei Langzeitstudien zurückgreift, findet, dass ein Abbrechen einer ursprünglichen Ehe in den meisten Fällen letztlich die Schwankungen beruhigen wird.

"Zwanzig Jahre nach einer Scheidung haben die meisten betroffenen Männer und Frauen sich in ihre neue Situation eingefunden. Die Scheidung ist zu einer Schatten-Erinnerung geworden, die ihr derzeitiges Leben weitgehend nicht mehr beeinträchtigt", schreibt sie.

Beide Autorinnen sind der Meinung, dass die unerledigten Dinge aus einer ersten Ehe in die nächste Verbindung miteingtragen werden. Rund 60% der Zweitehen scheitern meist während der tumultreichen Anfangsjahre mit ihren Stieffamilien, schreibt Hetherington und sie sagt, dass es 5-7 spannungsreiche Jahre in einer Stieffamilie dauert bis die Stressebene unter der der ersten Ehe angelangt ist.

Geschiedene Eltern, die eine realistische und konstruktive Nachehe entwickeln, schlagen damit den besänftigendsten Weg ein, klärt Frau Robboy auf, die sich in ihrem Buch zusammengestellter Geschiedenenpaare bedient, um die typischsten Nachehe-Ereignisse zu veranschaulichen, die sie beobachtet hat.

Sie fügt noch hinzu, dass ihrer Erfahrung zufolge Paare mit glücklichen, dauerhaften Beziehungen auf ihrem Lebensweg ständig ihre Beziehung erneuern. "Sie heiraten sozusagen immer und immer wieder" sagt Frau Robboy und betont, dass Schwierigkeiten dann auftreten, wenn einer der Partner sich weigert sich auf die neue Situation einzustellen.
Und wenn Schwierigkeiten kommen, so mag es doch am weisesten sein die gestresste Ehe zu verbessern, da es "mit einer Scheidung noch schlimmer werden könnte", sagt sie. Es ist wie bei guten Renovierungsarbeiten "Messe zwei Mal bevor du einmal schneidest".