Das erfolgreichste
Verwirrspiel,
seit es den Menschen gibt
Johann Stampf
Wir alle wissen es: Der Umgang mit persönlichen Vorstellungen, Gedanken und Sehnsüchten zählt im Leben eines Menschen mit zu den wichtigsten Tätigkeiten, die wir kennen. Es sind meine Ideen, meine Gedanken, Vorstellungen und Sehnsüchte, die am Anfang von großen und kleinen Taten stehen. Sie lassen mich nicht los, bevor ich nicht dort angekommen bin, wo sie hin wollten. Natürlich bin ich es, der meine Gedanken, Vorstellungen, Gefühle und Sehnsüchte lenkt und kontrolliert. Aber es existieren da auch noch Einflüsse, die nicht so leicht zu kontrollieren sind. Es gibt Leute, die versuchen, sich von diesem Graubereich möglichst fernzuhalten, indem sie sich auf den scheinbar "sicheren Boden" einer anerkannten Lehrmeinung, einer wissenschaftlichen Logik oder eines allgemein akzeptierten religiösen Glaubenssystems zurückziehen. Mit diesen als Rückendeckung, fühlen sie sich stark und sicher. Dennoch wirken diese Einflüsse, zumindest zu gewissen Zeiten, mehr oder weniger stark in das Leben des einzelnen hinein.
Auch die Vorstellung von einer Welt, die das Böse nicht kennt, oder zumindest der Gedanke an eine bessere, friedvollere Welt, hat die Menschheit in der langen Geschichte ihres Bestehens niemals losgelassen. Ich bin davon überzeugt, daß diese Vorstellung, daß dieser Gedanke letztlich den längeren Atem haben wird.
Das Dilemma des Gut-Böse Konfliktes
Was ist das älteste, bei weitem erfolgreichste aber gleichzeitig auch das folgenschwerste Verwirrspiel, das die Menschheit kennt? Es ist das Verwirrspiel um Gut und Böse. Vorstellungen über Gut und Böse sind fixe Bestandteile von Religionen und Kulturen aller Erdteile und jedes Zeitalters. Was sind nun die Elemente, die den Fortbestand des Gut-Böse Konfliktes die vielen Jahrtausende hindurch so erfolgreich geschützt und gesichert haben? Was macht diesen Konflikt so dauerhaft und unantastbar? Warum hat es bis heute niemand geschafft, diesen Konflikt zu durchschauen und wirksam zu lösen? Es gibt Historiker, die behaupten, daß genau dieser Konflikt, nämlich in Form von kriegerischen Auseinandersetzungen, der eigentliche Motor der menschlichen Weiterentwicklung ist. Stimmt das? Kann der Gut-Böse Konflikt der eigentliche Entwicklungsmotor sein?
Wie können wir dieses Verwirrspiel um Gut und Böse auch nur einigermaßen durchleuchten? So wie allgemein bei Konfliktlösungen ist es auch hier angebracht emotionalen Abstand zu gewinnen und einen kühlen Kopf zu bewahren. Emotionalen Abstand gewinnen, wovon? In erster Linie von dem, was ich unbewußt und unhinterfragt von meinen Eltern, meinen Lehrern, meinen Freunden, aber auch von meiner Religion und meiner Kultur in meine persönliche Vorstellungs- und Gedankenwelt übernommen habe. Nicht, daß mir meine Eltern, Lehrer und Freunde, meine Religion und mein Kulturkreis, in dem ich groß geworden bin, etwas schlechtes antun wollten - nein, nicht im Geringsten. Aber es ist doch so, daß auch sie dieses Dilemma des Gut-Böse Konfliktes in sich tragen. Es ist auch ihnen bis heute nicht gelungen, diesen Konflikt los zu werden. Sie können daher bei aller Liebe und Obsorge nicht anders als mit all dem wertvollen, das sie weitergeben, auch den Gut-Böse Konflikt mitzuliefern. Allein das zu erkennen und diesen Tatsachen ins Auge zu sehen erfordert schon einen gewissen emotionalen Abstand.
Zumindest ein Teil dessen, was ich da übernommen habe, ist mit dem Gut-Böse Konflikt auf eine Art infiziert, daß er mich erfolgreich daran hindert Oberwasser zu bekommen. Er ist zu einem Teil meiner Vorstellungswelt geworden und macht es mir unmöglich klare Gedanken darüber zu fassen. Ich möchte Sie aber dennoch einladen, gemeinsam dieser Frage auf den Grund zu gehen. Es ist heute möglich, hier Entscheidendes zu ändern.
I. Vergangenes behutsam aber ehrlich hinterfragen
Es genügt heute nicht mehr nur Teile der gesamten Realität zu sehen. Um die Herausforderungen des neuen Jahrtausends meistern zu können, müssen wir als Menschheit zu einer Lebenseinstellung und zu einer Denkweise finden, die diesem neuen Zeitalter in jeder Weise gerecht wird. Es ist angesagt, althergebrachte, in einzelnen Kulturen entstandene Denkweisen und Glaubenskonzepte behutsam zu hinterfragen und ehrlich zu prüfen. Behutsam deshalb, weil vielleicht viel Brauchbares dort zu finden ist, wo es bis heute nicht vermutet wurde, und weil es nicht taugt, das Kind einfach mit dem Bade auszuschütten. Ehrlich deshalb, weil Unehrlichkeit und Lügen nur, wie es im Sprichwort heißt, "kurze Beine" haben. Ein Standpunkt wie: "Alt ist gut und Neu ist schlecht" oder "Neu ist gut und Alt ist schlecht" kann daher nur soweit Gültigkeit haben, wie es zur Vereinigung der Völker und zum Frieden untereinander beitragen kann.
Die modernen Kommunikationsmethoden und weltweiten Netzwerke fordern eine Denkweise, die nicht auf ein Volk, eine Sprachgruppe, eine Hautfarbe, eine Wirtschaft- Finanz- oder Wissenschaftsrichtung oder eine Religion zugeschneidert ist. In einer Zeit, in der die ganze Welt zu einem globalen Dorf wird, sollten wir uns darauf besinnen, daß wir alle, gleichgültig ob wir eine weiße, gelbe, schwarze oder rote Hautfarbe tragen, vor allen Unterschieden, Menschen sind. Menschen, die grundsätzlich die gleichen Wünsche, Bedürfnisse, Hoffnungen, Erwartungen und natürlich auch Rechte und Pflichten haben. Alle Menschen sehnen sich nach Liebe, Gesundheit und Glück, nach Wohlergehen, nach Freude, Frieden und Erfolg. Das ist doch eine ganze Menge, die wir gemeinsam haben. Dennoch hat das absolut nichts mit Gleichmacherei oder Einschränkung der Individualität des einzelnen zu tun, im Gegenteil, es schafft erst das nötige Umfeld, in dem erfolgreiche Persönlichkeitsbildung möglich wird. Eine Blume kann auch erst im richtigen Umfeld ihre individuelle Schönheit in Form und Blüte zur Entfaltung bringen. Wir brauchen heute eine Denkweise, die es allen Völkern ermöglicht ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und uns allen einen Weg zu einem Leben in Gesundheit, Glück, Wohlergehen, Lebensfreude, Frieden und Erfolg öffnet. Ich möchte Sie nun zu einer spannenden Reise in die Welt der Vorstellungen und Denkmuster einladen. Beginnen wir mit den zwei großen Denkrichtungen, die in der Vergangenheit das Schicksal der Menschheit entscheidend mitgeprägt haben.
Ganzheitliches und analytisches Denken
Ganzheitlich heißt, im Sinne des Wortes, um nichts weniger als "alles miteinschließend". Mit "alles" ist wirklich alles gemeint, d.h. alles was existiert, gleichgültig wann, wo oder wie. Das ist zwar ein sehr hoher Anspruch, aber weniger ist letztlich nicht genug. Die Welt, die von der Wissenschaft erforscht wird, ist zweifelsohne ein ganz wichtiger Teil von "Alles". Die Welt der Spiritualität, der Transzendenz, der Mystik und der Religiosität, die Welt der Wertvorstellungen des einzelnen und ganzer Kulturkreise, sowie die Welt der Motive und Absichten sind mindestens ebensowichtige Teile. Ein Denk- und Glaubenssystem, das auch nur einen dieser Hauptteile abwertet, ins Abseits drängt oder gar ausschließt, kann demnach der geforderten Vollständigkeit nicht genügen.
Neben der Ganzheitlichkeit muß ein universell gültiges Denk- und Glaubenssystem auch in sich konstant, also durchgehend und konsequent sein. Damit ist gemeint, daß kein Bruch, im Idealfall auch nicht einmal ein Sprung innerhalb dieses Systems sein darf. Die Denkweise, zum Beispiel, die mit gewissen Auslegungen der Evolutionstheorie mittransportiert wird, ist, genau genommen, weder ganzheitlich noch konsequent, da sie weder den Ursprung noch die Richtung und schon gar nicht das Ziel der Evolution zu erhellen vermag. Zu sagen: "Am Anfang steht der Urknall (oder Ähnliches) und danach setzte zufällig die evolutionäre Entwicklung ein und brachte uns bis zum heutigen Tag, wo sie uns noch hinführen wird weiß man nicht", ist ein typisches Beispiel eines unvollständigen Denksystems. Es läßt um nichts weniger als die wichtigsten Fragen, nämlich: die Fragen nach dem Zweck, dem Wert, dem Ursprung und dem Ziel des Lebens, unberührt. Das ist letztlich auch deshalb von eminenter Bedeutung, weil Annahmen, ja selbst Forschungsergebnisse, die auf derartig unvollständigen Denkweisen basieren, mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind. Sie schließen einen oder mehrere wichtige Teile unserer Existenz einfach aus. Das ist so ähnlich wie wenn ich beispielsweise "Mensch ärgere Dich nicht" spiele, aber niemand hat mir die Spielregeln erklärt. Ich kenne zwar Kegel, Spielbrett und Würfel, weiß aber nicht, wie das Spiel ablaufen soll. Daher kann ich auch nicht wissen, was das Ziel des Spieles ist und wie ich es zu Ende führen kann. Ich bin vielmehr darauf angewiesen, die Regeln während des Spieles, der Situation entsprechend, zu erfinden und anzupassen und das Spiel so spannend wie nur möglich zu gestalten. Der bekannte Botaniker Justus von Liebig hat einmal den Ausspruch geprägt: Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an interessant zu werden, wo sie aufhört.
Mit somancher spiritualistischer, transzendenter und religiöser, auch theologischer Denkweise ist es im Grunde nicht viel anders. Hier spielen oft gewisse Glaubenssätze, Annahmen und Dogmen die Rolle von Grenzposten, die auch nichts anderes sagen als: hier hört deine Logik auf, hier kommst du mit deinem Denken nicht mehr weiter, ab hier beginnt das Mysterium, das Unverstehbare. Ab hier kannst du dich nur noch hingeben, dich führen lassen. Wenn du diese Schwelle überschreitest, mußt du deine Logik hier zurücklassen, denn hier beginnt die Welt, in der nur noch das Mysterium gilt. Die "weltliche Logik" hat hier keinen Platz. Das ist beispielsweise ein solcher Bruch in der weiter oben geforderten durchgehenden Konsequenz. Bei genauerer Betrachtung treffen wir in herkömmlichen Denk- und Glaubenssystemen generell irgendwann auf einen derartigen Konsequenzbruch.
Die Frage: "Was ist Wahrheit?" ist dennoch von entscheidender Bedeutung. Die "Wahrheit" muß das Mystische ebenso miteinschließen wie das Wissenschaftliche, das Vergangene ebenso wie das Gegenwärtige und das Zukünftige, das Diesseitige ebenso wie das Jenseitige. Darüber hinaus muß sie das Ziel alles Seienden und alles, was mit Gut und Böse, ganzheitlich und individuell, Anfang und Ende zu tun hat, erhellen. Es genügt letztlich nicht bei einem nebulosen "Irgendwo" anzufangen und bei einem ebenso nebulosen "Irgendwo" am anderen Ende wieder aufzuhören und sich zwischen den beiden großen "Irgendwo’s" ein schönes und angenehmes!? Leben schaffen zu wollen. Denken sie zurück an den "Mensch ärgere dich nicht" Spieler.
Unsere Welt, das Universum, die Tier- und die Pflanzenwelt, und insbesondere die unterschiedlichen Kulturen unserer Erde und die Menschentypen innerhalb dieser Kulturen sind enorm vielfältig angelegt. Sie können bis heute weder mit einer der bestehenden religiösen noch mit einer wissenschaftlichen Denkweise voll erfaßt werden. Das mag bei dem vielen Detailwissen, das wir heute haben, vielleicht überraschen, aber es ist einfach nicht wegzuleugnen. Gefühle wie Gier, Eifersucht, Haß, Neid, Ausbeutung, Ichbezogenheit und Besserwisserei bedienen sich einer Denkmethode, die sehr selbstbezogenen Zielen zusteuert, die aber in allen Kulturen dieser Welt verbreitet ist.
In den Denksystemen der Religionen spielen Gottesvorstellungen und Glaubenssätze eine wesentliche Rolle. Hierzulande hat Gott in den Denkstrukturen, die in der Forschung, der Wirtschaft, der Finanzverwaltung und der Ausbildung, um nur einige Beispiele zu nennen, keinen oder nur einen minderwertigen, untergeordneten Platz.
All die unterschiedlichen Denkweisen und Glaubenssysteme vereinen in sich selbstverständlich sowohl individualistische als auch ganzheitliche Züge. Individualistisch meint hier: das Einzelne steht im Vordergrund und ihm gebührt das höchste Augenmerk und die größte Aufmerksamkeit. Am Anfang steht die Analyse (des Arbeitsmarktes, der Einnahmen - Ausgaben Situation eines Betriebes oder eines Haushaltes, der Energieverbrauch eines Landes, eines Betriebes, eines Haushaltes oder auch des eigenen Körpers, die Erforschung der einzelnen Organe in der Medizin u. dergl.). Erst auf der genauen Kenntnis des Einzelnen (der Einzelheiten) können diese Teile wieder zusammengesetzt werden (Synthese). In unserem westlichen Denken spielt diese Analyse-Synthese-Denkweise sowohl in Forschung und Technik als auch im täglichen Leben die tragende Rolle.
Anspruch auf Ganzheitlichkeit
Ein Trend, der andererseits in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr in den Vordergrund rückt, ist beispielsweise in der Esoterik zu beobachten. Von der Wissenschaft häufig als Pseudo-Wissenschaft abgewertet und auch von der Religion ins Eck gedrängt, wird hier versucht, eine sogenannte "ganzheitliche" Weltsicht herüberzutransportieren. Es werden unter anderem fernöstliche (Yin, Yang), indische (Reinkarnation oder Wiedergeburt), indianische (Beziehung zur Natur und zum Großen Geist), afrikanische (Trommeln, Ektase) und auch keltische und germanische, aber auffallend wenige jüdische, christliche und islamische Elemente (obwohl diese natürlich auch ihren Niederschlag finden) betont. Auffallend in der Esoterik ist der ganzheitliche Anspruch, der durch die Bank erhoben wird. So steht sie der Denkweise, die auf Analyse und Synthese ausgerichtet ist, quasi als Gegenpol gegenüber. Es scheint die Erkenntnis vorzuherrschen, daß "weltliche Logik" kombiniert mit einer "mystischen Logik" (Reinkarnation, Ektase, Runen, Symbole, Zahlenmystik, Orakel, Zukunft vorhersagen, Astrologie.....) eine ganzheitliche Logik ist.
Es gibt Leute, die sich aus Teilen christlichen Glaubens, Reinkarnation, Zahlenmystik und fernöstlicher Massage (natürlich gibt es auch eine Vielzahl anderer Kombinationen) ein Lebens- und Weltbild zurechtzimmern, wo man dann relativ leicht, je nach Situation, auswählen kann. In Zeiten, wo ich einen persönlichen Gott ansprechen will, bediene ich mich beispielsweise eines christlichen Glaubensbildes. In Zeiten, wo mir ein persönlicher Gott unheimlich wird und zu nahe geht oder zu streng vorkommt, komme ich auf die Reinkarnation (Wiedergeburt) oder das unpersönliche Chi zurück, das sich in Yin und Yang ausdrückt. In Zeiten, wo ich mich der Hektik, der Dichte und Enge dieser Welt entziehen möchte schalte ich ab und meditiere oder ich versetzte mich in irgendeine Form der Ektase. Ich meine das absolut nicht abwertend, denn es ist, wie vieles andere auch, ein ernsthafter Versuch, das Leben zu meistern.
Vielseitig ist noch nicht ganzheitlich
Ich kann mir nun die Frage stellen: "Wie ganzheitlich sind eigentlich solche Kombinationen aus weltlichen und esoterischen Seinsbildern wirklich"? Die Tatsache, daß ich hier spielend von einem persönlichen Gott auf eine Zahlenmystik oder die Wiedergeburt umwechseln kann hat zwar deutliche Merkmale der Vielseitigkeit, aber Vielseitigkeit ist noch nicht Ganzheitlichkeit. Wenn die vielen Einzelteile einer Uhr in einem Behälter liegen, heißt das auch noch nicht, daß ich davon schon die Zeit ablesen kann, daß der Zweck und der Wert einer Uhr hier offenbar werden.
Bei genauer Betrachtung bleibt vieles, was sich als "ganzheitlich" bezeichnet, doch nur bei einer sehr beschränkten Ganzheitlichkeit. Viele ganzheitliche oder kosmische Weltsichten stellen sich letztlich als sehr begrenzt und einseitig heraus. Den oben gestellten Forderungen an eine Denkweise, die uns zur Wahrheit bringt, werden, so gesehen, weder die wissenschaftliche Methode, die nur das Sein zwischen einem Irgendwo-Anfang und einem Irgendwo-Ziel beschreiben und erforschen kann, noch die Vielfalt der esoterischen Kombinationsmöglichkeiten und der relativen Bewegungsfreiheit innerhalb derselben, gerecht. Oft bieten die Wahlmöglichkeiten in der Esoterik eine willkommene Alternative für Personen, die sich innerhalb einer Religion aber auch einer politischen oder auch einer wissenschaftlichen Denkweise eingeengt oder eingezwängt fühlen.
Folgen des Analyse-Synthese Denkens
Welche Art von Gottesbild, Menschenbild und Weltbild, welche Vorstellungen über Anfang und Ziel für unsere Geschichte hinterläßt das Analyse-Synthese Denken? Das heißt, wie beantworte ich damit die Fragen: Wer bin ich?, Woher komme ich?, Wo sehne ich mich hin?, Wo befinde ich mich jetzt?, Woher leite ich meine Rechte und Pflichten ab und wie werde ich ein glücklicher Mensch? Diese Fragen ziehen sich hin bis zu: Was ist richtig - was ist falsch?, Was ist Gut und Böse - woher kommt es und wohin führt es? Es ist mir bewußt, daß das, zumindest teilweise, auch ein unangenehmer Fragenkatalog ist.
Häufig bedienen wir uns der Ansicht: Was wir jetzt nicht lösen können, lösen wir später. Wir beschränken uns auf das Naheliegenste, also auf die Natur, die uns umgibt, die Bodenschätze, die in Reichweite sind, die Menschen in der Umgebung, die Beschäftigung, den Arbeitsmarkt, den Überlebenskampf, Essen, Kleidung, Wohnung u. dergl. Das sind natürlich alles Dinge, die wichtig sind und dem einzelnen soviel Zeit und Investition abverlangen, daß für die großen Fragen keine Zeit und Energie mehr übrigbleibt. Diese Fragen schieben wir im täglichen Leben gerne auf die berühmte lange Bank, wo sie leicht am anderen Ende hinunterpurzeln. Meist macht uns das auch gar nicht so viel aus und wenn wir später wieder einmal auf sie stoßen, tun wir sie als unnötig oder nebensächlich ab. Wir handeln so nach der Devise: Die Antworten auf diese Fragen kann sowieso niemand finden, wieso soll ich mich damit dann unnötig aufhalten?
Wenn nun die großen Fragen lange genug durch Nichtbeschäftigung und Ausklammerung erfolgreich von der Bildfläche verbannt, verdrängt und chronisch geschwächt worden sind, braucht es nur noch einen kleinen Schritt, um den ganzen Fragenkomplex sozusagen als "nicht existent" zu erklären. Man behauptet einfach: "Das gibt es nicht" oder "das existiert sowieso nicht". Der Umgang mit den Einzelheiten und die zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten, die uns unser Analyse-Synthese-Denken ermöglichen sind so faszinierend, wozu brauche ich einen Gott, einen Schöpfer, ein Ziel der Geschichte, einen höheren Sinn im Leben? Ich bin beschäftigt, habe also genug zu tun und bin zufrieden damit. Derartige Fragen sind gut für "Weltflüchter". Ich aber stehe mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich gehe auf Nummer Sicher. Realität ist für mich alles was ich sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, messen und wägen kann. Mein Leben beginnt mit der Zeugung oder mit der Geburt (darüber mögen die Meinungen auseinandergehen, besonders was die Frage der Abtreibung betrifft) und endet jedenfalls mit dem Tod. Wenn ich sterbe wird es finster und aus! Ein Leben über den Tod hinaus gibt es nicht; so, wie es ein uriger Wiener auszudrücken pflegt: "Arbeiten mußt du jetzt, schlafen kannst du, wenn du einmal im Holzpyjama steckst, da hast du Zeit dich auszuruhen". Als ich ihn dann fragte, ob er das tatsächlich glaube, antwortete er ohne lange überlegen zu müssen: "Ah, ich weiß schon, was ich dann tue. Ich komme als Geist zurück, überrasche den und den und pfusche dem und dem ins Handwerk; die werden Augen machen. Darauf freue ich mich schon" und rieb sich dabei schadenfreudig die Hände
Hier wird deutlich, daß sowohl die individualistische als auch
das, was sich gerne als ganzheitliche Weltsicht gibt, gravierende
Schwächen
aufweist und weitreichende Fehlurteile nicht ausschließen kann.
Beim
reinen Analyse-Synthese-Denken bewegt sich die Denkrichtung etwa
entlang
der Achse: Zerlegung einer unüberschaubaren Vielfalt in überschaubare
Einzelteile - genaue Erforschung der Einzelteile durch weitere
Zerlegung
und herausfiltern von eindeutigen Merkmalen und noch kleineren
Einzelheiten
mit dem Ziel, die gefundenen Einzelteile wieder neu zu kombinieren und
zusammenzusetzen. Das unüberschaubare Große Ganze besteht
aus
vielen Einzelheiten, deren genaue Kenntnis von ausschlaggebender
Bedeutung
ist. Diese Methode hat unzählige Ergebnisse gebracht, die unser
Leben
leichter und bequemer machen. Die esoterische Denkweise hingegen folgt
ungefähr entlang der Achse: Streben nach der Ganzheit durch die
Verbindung
von weltlichen und transzendenten (mystischen, diese Welt
übersteigenden)
Faktoren und Aufgehen des Einzelnen in dieser Ganzheit. Das Leben hier
ist nur ein Teil meiner Existenz.
II. Das beziehungsgebundene Denken in den "Vereinigungsprinzipien"
Das beziehungsgebundene Denken geht davon aus, daß alles was existiert miteinander direkt oder indirekt in Beziehung steht. Letztlich stehen auch die individualistische und die ganzheitliche Denkweise in einer Beziehung zueinander. Es besagt, daß es eine Beziehung zwischen zwei zusammengehörenden Polen wie Positivität und Negativität, männlich und weiblich, Inneres und Äußeres, Zentrum und Peripherie, Ursache und Wirkung, Ursprung und Resultat, Schöpfer und Schöpfung, Mensch und Umwelt, Trompeter und Trompete, Sender und Empfänger, Lehrer und Schüler usw. gibt. Das ist im Grunde nichts Neues.
Eines sollte aber immer beachtet werden: All diese Dinge sind sowohl in ihrer Entstehung, d.h. in ihrem Zustandekommen - in ihrem Werden - als auch in ihrer Funktionstüchtigkeit voneinander abhängig.
Abhängigkeit und Unabhängigkeit
Abhängig ist aber so ein Wort, das in unserer Gesellschaft nicht gerade gern gehört wird. Dennoch besagt es genau das, worum es geht. Natürlich kann ein Kühlschrank auch existieren ohne daß er ans Stromnetz angeschlossen ist, aber da er entwickelt wurde um mit elektrischem Strom betrieben zu werden, kühlt er ohne Strom nicht; er kann ohne Strom seinem Zweck, d.h. den Erwartungen des Erzeugers sowie den Erwartungen des Benutzers, nicht gerecht werden. Er ist vom Strom abhängig. Die Funktion eines Autos ist vom Treibstoff abhängig. Wenn mir der Treibstoff auf der Strecke ausgeht und der Tank leer ist, kann ich mein Fahrzeug zwar noch schieben, aber dafür wurde es nicht erzeugt und auch nicht gekauft. Ich erwarte von meinem Auto nicht, daß ich es durch den Freitag-Nachmittagsverkehr schiebe, und am Sonntag morgens, wenn ich vielleicht allein auf der Straße bin, ist es auch nicht lustig, hinter meinem Auto herzulaufen.
Ein Meistertrompeter kann ohne Trompete nicht spielen und was nützt es der besten Trompete, wenn sie von niemandem gespielt wird? Die Vorderseite einer Münze kann nicht existieren ohne die dazugehörige Rückseite, ein oben ohne ein unten gibt es nicht und ein rechts ohne ein links ist unvorstellbar.
Die Angst, die dem Begriff "Abhängigkeit" anhaftet, hat nicht zuletzt auch dazu geführt, die "Unabhängigkeit" unangemessen hoch zu spielen und überzubewerten. Gleichzeitig aber belegte man den Begriff der "Abhängigkeit" mit einem ausbeuterischen, diktatorischen und sektenhaften Bezug, d.h. wer abhängig ist, wird ausgebeutet. Er wird bevormundet und kann nicht selbständig denken und urteilen. Diese Einschätzung hat zwar eine gewisse Gültigkeit, aber sie betont nur die eine Hälfte der Realität.
Zwei Arten der Abhängigkeit
Ich meine, es gilt heute ganz klar und unmißverständlich zu unterscheiden zwischen der Abhängigkeit, in der einer den anderen ausnützt, ausbeutet und unterdrückt und der Abhängigkeit, ohne die wir überhaupt nie geboren worden wären und ohne die keiner von uns existieren könnte. Ich jedenfalls bin in meinem Leben abhängig vom Boden, auf dem ich gehe, stehe, sitze, schlafe, tanze usw. Ich bin abhängig von der Luft, die ich atme, vom Sonnenlicht aus dem Kosmos und von der Umgebung, die mir mein Planet Erde zur Verfügung stellt. Weiters bin ich abhängig von all dem, was ich durch meine 5 Sinne, also durch sehen, hören, riechen, schmecken und tasten erfahren kann. Stellen sie sich vor, sie hätten keine Augen und keine Ohren, keine Zunge, keine Mund- und Nasenöffnung, keine Hautporen usw. Sie könnten nicht sehen - alles wäre schwarz, sie könnten nicht hören - alles wäre stumm. Sie könnten nichts riechen, schmecken tasten, ja nicht einmal atmen und auch nicht essen und trinken! Menschliches Leben, menschliche Entwicklung und Vermehrung wäre undenkbar. Wie lange könnte ein Neugeborenes, um das sich niemand kümmert, alleine überleben? Es würde verhungern, verdursten, erfrieren, .... jedenfalls sterben.
Wie wird beispielsweise ein Mann zum Vater? An einer derartigen Frage kann uns die Bedeutung der Abhängigkeit sowohl im Entstehungs- oder Schöpfungsvorgang als auch in der Weiterentwicklung, im positiven Sinne, deutlich werden. Der Unterschied zwischen einem noch nicht zum Vater gewordenen Mann und einem Vater ist der, daß um nichts weniger als ein Schöpfungsvorgang dazwischen liegt. Ein Vater hat zusammen mit einer Mutter etwas geschaffen, das, zumindest teilweise, von ihm stammt und ihm auch in vielen Aspekten ähnlich ist, das aber weit über ihn hinausgeht, nämlich: ein Kind. Ein Kind, das lebt, wächst und das Potential hat selbst Vater oder wenn es ein Mädchen ist, selbst Mutter zu werden. Wie wird nun ein Mann zum Vater? Es geht einmal nicht ohne Frau; es geht aber auch nicht ohne Kind. Wird die Frau nun Mutter bevor der Mann zum Vater wird oder umgekehrt? Ein Mann kann nicht ohne Frau und ohne Kind zum Vater werden. Ebenso wird eine Frau nicht ohne Mann und Kind zur Mutter und auch ein Kind kann ohne Mutter und Vater nicht zustandekommen. Vater, Mutter und Kind schaffen sich gegenseitig und gleichzeitig. Fehlt auch nur ein Teil davon, so wird aus dem Mann kein Vater, aus der Frau keine Mutter und ein Kind gibt es auch nicht. Vater, Mutter und Kind kommen entweder gleichzeitig zustande oder gar nicht. Dieses Beispiel macht deutlich, daß Abhängigkeit weder von der Vermehrung noch von der Existenz oder der Entwicklung eines Wesens getrennt werden kann.
Es ist höchst an der Zeit, den Begriff "Abhängigkeit" als das zu nehmen, was er ist, nämlich: die Beschreibung der Grundlage sowohl für das Entstehen als auch für die Entwicklung und das Wachstum eines Lebewesens und einer individuellen Persönlichkeit. Konsequent dieser Denkweise folgend müßten dann auch alle chemischen und physikalischen Elemente, ja der gesamte Kosmos, einschließlich aller Kräfte, die in ihm zusammenwirken sowie alles Leben aus Abhängigkeiten entstanden sein. Führen wir diesen Gedanken noch weiter, kommen wir zur Frage: Abhängig wovon? Um uns der Antwort auf diese Frage zu nähern, müssen wir jedenfalls aus dem engen Bereich zwischen zwei "Irgendwo’s" heraustreten. Innerhalb eines "irgendwo-Anfangs" und eines "irgendwo-Zieles" ist diese Antwort sicher nicht zu finden.
Viele Leute kommen mit ihrem konsequenten Analyse-Synthese-Denken aber auch in ihrer ganzheitlichen Denkweise letztlich zu dem Schluß, daß beispielsweise Gut und Böse, (neben dem Faktum, daß es sich hier bereits um etwas erheblich mysteriöses, dann aber, wenn man die Zeitung aufschlägt und von Mord, Ausbeutung, Betrug, Vergewaltigung.....liest, wieder um etwas furchterregend naheliegendes und realistisches handelt,) ganz am Anfang unserer Existenz stehen muß.
Für diejenigen, die die Existenz von Gut und Böse nicht
von
vorne herein schon leugnen, bleibt dann die verbreitete These
übrig:
Gut und Böse verhalten sich so wie rechts und links, oben und
unten,
vorne und hinten; eines ist ohne das andere nicht denkbar und
überhaupt:
wie könnten wir das Gute erleben, wenn es das Böse nicht
gäbe?
Aus der Not der weiteren Unerklärbarkeit wird dann eine Tugend
gemacht,
indem man sich beeilt hervorzuheben, daß ja Gier, Neid,
Haß,
Eifersucht, Egoismus und dergl. eben spezifisch "menschliche Aspekte"
seien,
die immer schon da waren und die niemals vergehen können. Sie sind
vom Menschen nicht zu trennen und was wäre das Leben ohne das
Böse?
Es wäre fad, nichts tut sich, alles wäre brav und
eintönig,
das Leben wäre ohne Gewürz und Pep. Also seien wir doch froh
darüber, daß es das Böse gibt. Eine solche Einstellung
ist eine riesige Blockade, die den Blick für alles, was sich
dahinter
befindet, gehörig verstellt.
III. Gut und Böse - zwei Ursprungsprinzipien?
Besonders die großen Religionen sind angetreten das "Gute" zu tun, um so das "Böse" zu überwinden. Das ist letztlich der Zweck und die selbstgestellte Aufgabe einer Religion. In den Religionen arbeitet man in irgend einer Form auf eine Erlösung hin; dafür hat man beispielsweise die Werke der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit, dafür ziehen sich Menschen in ein Kloster zurück oder leben ein Leben lang zölibatär. Solche Wertvorstellungen beschränken sich nicht auf die christlichen Religionen. Ähnliches gibt es auch bei Yogis und bei buddhistischen Mönchen. Dort sucht man auch auf ähnlichen Wegen die Erleuchtung, den rechten Pfad oder das Nirwana........
Wenn Gut und Böse aber sowieso die zwei Ursprungsprinzipien sind, dann macht das Ansinnen einer Religion das "Böse" ausrotten zu wollen nicht nur keinen Sinn, sondern es ist auch reichlich kontraproduktiv, da, wenn das gelingen würde, die Spannung, die Freude, der Nervenkitzel, ja das "Gewürz" des Lebens an sich zerstört werden würde.
Sind nun Gut und Böse wirklich die beiden Ursprungsprinzipien
schlechthin?
Da Gut und Böse letztlich in unvereinbarem Konflikt miteinander
stehen,
müßte dann das Wesen ihrer Beziehung, nämlich: der "unlösbare
Konflikt" das Grundprinzip sein, aus dem alles entstanden ist.
Weiters
stehen wir dann noch vor folgenden Fragen: Gibt es etwas, das über
Gut und Böse steht? Was ist dann Harmonie? In welchem
Verhältnis
stehen Harmonie und Konflikt in unserer Existenz, in unserer
Geschichte,
in unserem Wachstum, in unserer Ausbildung und im gesamten
großen,
weiten Universum? Gibt es eine Harmonie zwischen Gut und Böse?
Das Ursprungsprinzip
Protonen und Elektronen gehen eine Verbindung ein. Sie machen sich im wahrsten Sinne des Wortes abhängig voneinander, werden nur so eine stabile Einheit (Atom), dadurch aufgewertet und fähig höhere Verbindungen einzugehen. Sie machen das natürlich nicht "bewußt", vielmehr werden sie von der unsichtbaren aber sehr zielgerichteten Kraft des "Prinzips" gelenkt.
Wasser kommt dann zustande, wenn zwei Wasserstoffteilchen und ein Sauerstoffteilchen eine Verbindung eingehen und sich voneinander abhängig machen. Sie formen so eine bleibende Einheit und werden dadurch aufgewertet und fähig höhere Verbindungen einzugehen. Diese höheren Verbindungen zeigen sich daran, daß ohne Wasser ein Leben auf der Erde einfach unvorstellbar ist.
Zellen entstehen, wenn Zellkern, Zellwand und all die anderen Bestandteile, die eine Zelle ausmachen, eine Verbindung eingehen. Sie machen sich voneinander abhängig, bilden eine stabile Einheit und werden dadurch aufgewertet und fähig höhere Verbindungen einzugehen. Zellen bilden dann Organe und verschiede Organe sind unabdingbare Bauteile eines lebenden Körpers.
In einem Baum gehen Wurzeln, Stamm, Äste, Zweige und Blätter aber auch in Wasser gelöste Nährstoffe (aus dem Boden) und das Sonnenlicht (aus dem Kosmos) in der Photosynthese eine Verbindung ein. Auch sie machen sich abhängig voneinander und bilden so die Grundvoraussetzung für das Wachstum des Baumes. Sie bilden eine Einheit, werden aufgewertet und fähig höhere Verbindungen einzugehen. Sie werden Teil eines Gartens, eines Waldes oder eines anderen ökologischen Systems, in dem sie eine ganz bestimmte Aufgabe erfüllen, die nur sie erfüllen können.
Damit die Vermehrung von Pflanze, Tier und Mensch erfolgen kann, gehen männlich und weiblich eine Verbindung ein, machen sich abhängig voneinander, werden dadurch aufgewertet und fähig etwas neues zu zeugen, das wächst und ein eigenständiges Wesen wird. Auch nach der Geburt eines Kindes besteht eine unauflösliche Bindung zwischen Eltern und Kind weiter. Selbst wenn ein Vater oder eine Mutter sein oder ihr Kind verläßt oder stirbt, wird er immer Vater und sie immer Mutter bleiben. Das läßt sich auch durch den Tod nicht ändern. Kinder wachsen heran und werden fähig höhere Verbindungen einzugehen. Sie werden Teil einer Gesellschaft und der Menschheit und prägen diese mit ihrer Persönlichkeit auf einzigartige Weise mit.
Ich könnte hier unzählige Beispiele aufzählen, aber es geht immer darum, daß durch die prinzipiengelenkte Verbindung von zusammengehörenden Einzelteilen größere und komplexere Teile entstehen. Sie bilden ein Gefüge, in dem sich alles aus Einheiten von positiv und negativ, aktiv und passiv, männlich und weiblich, Subjekt und Objekt u. dergl. zusammensetzt. Auch Inneres und Äußeres, Sichtbares und Unsichtbares, Geist und Körper, Ursprung und Wirkung, und schließlich auch Schöpfer und Geschöpf stehen in einem existentiellen Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Das Prinzip dieser aufbauenden und werteschaffenden Beziehung ist immer ein Verhältnis vom Plus zum Minus und vom Minus zum Plus.
Die innere Struktur von Gut und Böse
Im Gegensatz dazu stehen sich Gut und Böse grundsätzlich immer als zwei aktive Plus Pole gegenüber. Sie haben entgegengesetzte Werte, Methoden und Ziele, die sie verfolgen. Daher können sie eines nicht, was für Vermehrung und Wachstum Grundvoraussetzung ist: sie können sich niemals vereinigen. Im Gegenteil, sie sind immer darauf aus, sich gegenseitig zu eliminieren. Das "Böse" ist ichbezogen und verwendet Methoden um an Ziele zu gelangen, von denen das "Gute" weder die Methoden noch die Ziele akzeptieren kann.
Der Konflikt - ein Prinzip?
Würden sich Protonen und Elektronen, wie Gut und Böse, in essentiellem Konflikt gegenüberstehen und keine Verbindung eingehen, sondern sich gegenseitig bekämpfen, wären sie unfähig eine Einheit (Atom) zu bilden, geschweige denn eine höhere Verbindung mit anderen Atomen einzugehen.
Wenn sich Zellkern und die anderen Bestandteile einer Zelle in essentiellem Konflikt gegenüberstehen und keine Verbindung eingehen würden, käme eine Zelle gar nie zustande. Sie könnte daher auch keine höheren Verbindungen (mit anderen Zellen) eingehen und beispielsweise Teil des Zellverbandes eines Organs werden.
Würden sich Wurzel, Stamm, Äste, Blätter, in Wasser gelöste Nährstoffe und Sonnenlicht in essentiellem Konflikt gegenüberstehen, wäre es nicht nur unmöglich für sie ein Baum zu werden, sondern es wäre gleichzeitig auch unmöglich, daß Wurzel, Stamm, Äste, Blätter und die Photosynthese überhaupt entstehen können. Wie beim Beispiel des vaterwerdenden Mannes, können auch sie nur in vollkommener Abhängigkeit voneinander entstehen und wachsen. Sie entstehen nur mit Hilfe des anderen, ausgerichtet auf das "Prinzip". Sie entstehen entweder gleichzeitig oder gar nicht.
Wenn sich Wasser, Klima, Boden, Kleinstlebewesen, Pflanzen und Tiere in essentiellem Konflikt gegenüberstehen würden, gäbe es kein Leben auf der Erde.
Würden sich Anionen und Kationen, Plus-Pole und Minus-Pole in essentiellem Konflikt gegenüberstehen, gäbe es keine Sonnensysteme, keine Planeten und natürlich auch kein Universum.
Wenn männlich und weiblich in einem essentiellen Konflikt stünden und sich niemals verbinden würden, wäre Vermehrung und Neuschöpfung ein unmöglich Ding.
Wenn Eltern und Kind in essentiellem Konflikt stehen würden, so gäbe es sie gar nicht - weder die Eltern, noch das Kind.
Auch Schöpfer und Schöpfung gäbe es nicht, nämlich: weder den Schöpfer noch die Schöpfung, würden sie sich in essentiellem Konflikt gegenüberstehen. Wenn eines da ist, muß das andere auch existieren.
Mit diesem essentiellen Konflikt als Grundlage hätte überhaupt nichts entstehen können, genau genommen, nicht einmal dieser Konflikt.
Zwei unterschiedliche Konfliktarten
Jetzt drängt sich wie ganz von selbst die Frage auf: aber den Konflikt, den gibt es doch, das ist doch eine Realität. Natürlich gibt es auch etwas, das man als "Konflikt" bezeichnen kann im "Prinzip", das ja in der Ebene über Gut und Böse steht. Dieser "Konflikt" ist allerdings keine Existenzgrundlage und schon gar kein Entstehungsprinzip. Wir sprechen hier von zwei unterschiedlichen Konfliktarten. Der erste Konflikt ist der innerhalb des "Prinzips". Das ist der Konflikt, der uns beispielsweise in einem Lernprozeß oder in einem Wachstumsvorgang, aber auch in einem fairen sportlichen oder beruflichen Wettkampf u. dergl. begegnet. Oft bringt mich eine persönliche Entscheidung in einen solchen inneren Konflikt, wie: Soll ich weitermachen oder besser aufgeben? Kann ich mir das zutrauen? Soll ich diese oder jene Richtung wählen, usw.? Ein derartiger Entscheidungskonflikt aber regt meine Kreativität an und fordert mein Einfühlungs- und Anpassungsvermögen sowie meine Kondition und meinen gesunden Kampfgeist heraus. Diese Art des Konfliktes ist aufbauend, kann auch enorm spannungsgeladen, anregend, glücksgeladen und freudebringend sein. Dieser Konflikt kann in mir natürlich auch Ärger, Zorn, persönliche Entscheidungskrisen und auch Abneigung hervorrufen. Ein Verlierer ist selbstverständlich auch hier traurig, aber er schöpft aus seiner Niederlage die Kraft, sich mehr anzustrengen und besser zu werden. Herausforderungen sind da, damit wir sie meistern. Realistisch gesteckte Ziele sind nötig, um nicht dauernd auf der Stelle zu treten. Wenn ich gesteckte Ziele erreiche, kommt es zur Vermehrung des für jeden Menschen so wichtigen Erfolgsgefühls und der Freude, aber auch zur so wichtigen Entwicklung des persönlichen Selbstbewußtseins. Das charakteristische an dieser Art des Konfliktes ist allerdings, daß er nicht auf Gewalt oder Ausbeutung aufbaut. Und was noch ganz wichtig ist: die Achtung vor dem Wert und der Würde des anderen (auch des Verlierers, beispielsweise beim Sport) und vor mir selbst wird niemals verletzt. Im Gegenteil: Dieser Konflikt ist bestrebt die eigene Würde sowie die Würde des anderen zu schützen, zu stärken und anwachsen zu lassen.
Im Gegensatz dazu ist das, was wir üblicherweise unter Konflikt verstehen geradezu hervorgerufen von überheblichem, unterdrückendem, egoistischem, ja oft zerstörerischem, gewaltausübendem, und ausbeuterischem Ansinnen. Dieser Konflikt schreckt, im Gegensatz zum anderen, oben erwähnten Konflikt, auch vor Brutalität nicht zurück. Er mißachtet den Wert und die Würde des anderen, sobald sie seinen Zielen oder Absichten im Wege stehen sollten.
So gesehen ist ein Konflikt innerhalb des "Prinzips" völlig
anders
gelagert als in der Gut-Böse Konflikt. Es gibt hier ganz
gravierende
Unterschiede. Gut und Böse wie wir es verstehen, stehen immer in unauflöslichem
Konflikt. Sie können kein Ursprungsprinzip sein, da ihr Wesen
die gegenseitige Zerstörung ist. Wenn Gut und Böse kein
Ursprungsprinzip
sind, was sind sie dann und wie konnten sie entstehen? Sie müssen
sich irgendwie vom "Prinzip" wegentwickelt oder herausentwickelt haben,
indem sie grundlegende Elemente des Prinzips mißbrauchten.
IV. Gut und Böse und das Prinzip
Wie oben dargelegt, basiert das Entstehungsprinzip des Universums auf dem Zusammenwirken von aktiv und passiv, Gebend und Empfangend, positiv und negativ, männlich und weiblich, Subjekt und Objekt usw. Im "Prinzip", das vor der Entstehung von Gut und Böse bereits existierte, hat der Konflikt drei wesentliche Funktionen:
1. Zum Schutz dauerhafter Einheiten von zusammengehörenden polaren Wesensarten, wie: aktiv und passiv, männlich und weiblich usw. Alles, was diese Zusammengehörigkeit zu stören versucht, gerät in Konflikt mit dem "Prinzip". Das ist die Basis für Stabilität.
2. Als Ansporn, gesteckte Ziele zu erreichen und sich selbst zu vervollkommnen. Das ist die Voraussetzung für persönliches Wachstum.
3. Als Medium, die eigene Kreativität und
Verantwortungsfähigkeit
zu entfalten und auszubilden, die die Grundlage von persönlicher
Qualifikation
und Freiheit ist. Auf diesem Fundament entsteht Freude in immer neuer
Form.
Gut und Böse - ein sonderbares Begriffspaar
Welche Elemente dieses "Prinzips" mußten nun mißbraucht werden, um eine derart folgenschwere Entwicklung wie die von Gut und Böse zu ermöglichen? Erstens ist festzuhalten, daß diese Entwicklung nur dort möglich werden konnte, wo es Entscheidungsfreiheit gibt. Das heißt, innerhalb der Schöpfung muß es neben Bereichen, wo es keine Entscheidungsfreiheit gibt, auch solche geben, wo Geschöpfe ein Entscheidungs- und Mitspracherecht haben. Ein Atom, ein Molekül, ein Planet oder eine Sonne, aber auch eine Pflanze oder ein Tier haben keine eigene Entscheidungsfähigkeit. Daher haben sie auch keine persönliche Verantwortung, für die sie Rechenschaft abzulegen haben. Sie können somit auch weder gut noch böse sein.
Andererseits gibt es Geschöpfe, wie beispielsweise den Menschen, die sehr wohl eine solche Entscheidungsfähigkeit und daher auch die damit einhergehende Verantwortung haben. Menschen können etwas unterstützen oder sich dagegenstellen; Menschen können, im Gegensatz zu Pflanzen, gut oder böse sein. Sie können aktiv böse sein in ihren Sehnsüchten und Wünschen, in ihrem Fühlen (Haß, Eifersucht, Gier, Neid, Überheblichkeit,....), sie können Aktionen des Bösen bis ins Detail planen (Mord, Ausbeutung, Unterdrückung, Raub, Vergewaltigung..) und ihre Pläne auch durchführen. Menschen können natürlich auch ganz bewußt Gutes planen und tun. Ein Elefant, ein Fisch oder auch ein Affe ist dazu grundsätzlich nicht fähig, obwohl man hier einräumen muß, daß ein Mensch beispielsweise einen Hund dahingehend "erziehen" kann, daß es so aussehen mag, als ob der Hund hassen oder aus Gier töten könnte. Ein Hund würde niemals selbst auf die Idee kommen solches bewußt zu planen.
Wenn ein Löwe ein Gnu reißt, wird er von den übrigen Gnus nicht als Mörder betrachtet und verfolgt. Es ist kein Ansinnen von Seiten der Gnus ersichtlich, ihn in ein Gefängnis zu sperren und ihm einen Prozeß zu machen. Mit den geistigen Fähigkeiten und Freiheiten eines Menschen könnte eine ganze Gnuherde einem Löwen sehr wohl hart zusetzen, aber sie kommen offenbar gar nicht auf die Idee sich zusammenzuschließen, um gemeinsam dem Löwen Paroli zu bieten. Sie könnten ihn niedertrampeln oder ihn mit ihren Hörnern ernsthaft verletzen, aber sie laufen nur davon. Sie verlassen sich darauf, daß sich der Löwe nur nimmt, was er braucht. Meist läuft die Herde auch gar nicht mehr weiter, sobald der Löwe ein Tier gerissen hat, sondern die anderen bleiben oft stehen und beginnen wieder zu grasen. Der Löwe handelt im Einklang mit den Prinzipien und steht, so gesehen, auch über gut und böse. Im Gegensatz dazu ist der Mensch imstande einen sehr zerstörerischen Einfluß auf die Tier- und Pflanzenwelt, ja auch auf die Umwelt (Luftverschmutzung,....) auszuüben.
Gut und Böse ist doch ein sonderbares Begriffspaar. Sie können einerseits nicht ohne einander existieren, andererseits können sie auch nicht mit-einander. Sie stehen in unauflöslichem Konflikt. Seit es sie gibt aber sind sie an die gegenseitige Abhängigkeit gebunden. Gut und Böse sind gleichzeitig entstanden, indem wichtige Prinzipien der Verantwortung mißachtet wurden. Deswegen werden sie auch gleich lange existieren und gleichzeitig vergehen. Eines kann ohne das andere nicht sein. Sie können niemals getrennt werden. Gut und Böse sind aber keine absoluten Prinzipien und können schon gar nicht die Grundlage für die Entwicklung unseres Lebens sein.
Das "Prinzip" und das "Gute"
Selbst das, was Leute als "Gut" empfinden - und sie stützen sich dabei nicht selten auf heilige Schriften oder traditionsreiche Religionen - ist nicht immer das, was mit dem "Prinzip" übereinstimmt. Sonst dürfte es zumindest keine Kriege zwischen den einzelnen Religionen geben. Religionen sind doch in der Regel immer bestrebt, das Gute zu tun. Die Geschichte aber ist gespickt mit Religionskriegen von oft besonderer Brutalität. Die Lösungen für unsere Probleme und die Antworten auf unsere brennenden Fragen sind nicht in der Gut-Böse-Ebene zu finden, sondern ausschließlich in der Ebene, die über Gut und Böse ist, in der Ebene des "Prinzips".
Eines muß aber hier doch deutlich hervorgehoben werden, nämlich: daß das Gute dem "Prinzip" natürlich bedeutend näher ist als das Böse. Dennoch sind das "Gute" und das "Prinzip" nicht ein und dasselbe. Wer das Prinzip erfassen will, muß unter Umständen darauf vorbereitet sein, sich von der einen oder anderen Vorstellung trennen zu müssen, die er bislang als "Gut" angesehen hat. Es gibt in der Menschheitsgeschichte nur ganz seltene Lichtblicke, die die Unterschiedlichkeit vom Ideal des "Prinzips" und dem, was wir als "Gut" empfinden, klar erkennen läßt.
Im christlich-jüdischen Kulturkreis war Jesus ein solcher Lichtblick. Das was die Hohepriester und Schriftgelehrten, also die geistige Elite des einzigen Volkes der Welt, das damals schon seit Jahrhunderten einen Eingottglauben pflegte, für "gut und gerecht" hielten, war für Jesus, der sie zum wahren Ideal des "Prinzips" führen wollte, oft ein schmerzender Dorn im Auge. Sie hielten es für verwerflich, wenn Jesus am Sabbat arbeitete (Mt.12: 1-8) oder heilte (Mk.3:2), wenn er mit Zöllnern und Sündern sprach (Mt.9:10-13) und wenn er sie aufforderte ihre Steuern zu zahlen (Luk.20:20 ff). Zu denen, die sich selbst für gut hielten und darauf pochten "Kinder Abrahams" zu sein, mußte Jesus sagen: "Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun". (Joh.8:44) An anderer Stelle sahen die Schriftgelehrten in Jesus einen "Gotteslästerer". (Mt.9:3)
Jesus wollte die Menschen vom Gut-Böse Konflikt befreien und predigte die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Er verstand es so, daß in diesen beiden Geboten die mosaischen Gesetze und die Zehn Gebote ihre Erfüllung fanden (Mt.22:34-40). Sie aber wollten diese Lösung nicht. Für Jesus war es eine sehr schmerzvolle Erkenntnis mit ansehen zu müssen, wie ihn das auserwählte Volk als Erlöser zurückwies. Das kommt in der folgenden Stelle klar zum Ausdruck wo Jesus bedauert: "Jetzt aber wollt ihr mich töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit verkündet hat, die Wahrheit, die ich von Gott gehört habe". (Joh.8:40).
Sie wollten im Konflikt verweilen und betrachteten Jesus als eine Gefahr für ihr System - ein System, das ihnen eine angesehene Position festschrieb. Es ermöglichte ihnen auch auf andere von oben herabzublicken und sie als weniger würdig zu erachten (Luk. 18:9-14). Schließlich gipfelte der Konflikt, den sie, als überzeugte Vertreter des Guten, mit Jesus hatten, der das "Prinzip" verkörperte, in den zwei folgenschweren Worten: "Kreuzige Ihn!"
Jesus wollte niemals eine eigene Sekte gründen (Apg.24:5), sondern das auserwählte Volk und alle Menschen vom Gut-Böse Konflikt befreien. Er wollte ihnen den Weg zum "Prinzip" zeigen. Aber er wurde von den Leuten, die sich auf ihre Schriften stützend selbst durchaus für "gut und gerecht" hielten, als böser Schwerverbrecher abgestempelt. Schließlich wurde er verurteilt und durch einen öffentlichen Schaumord, auf einem Berg - weithin ersichtlich - und unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit, "beseitigt". Aber das "Prinzip" läßt sich nicht beseitigen. Die Chance, den Gut-Böse Konflikt zu lösen war damit allerdings vertan.
Jesus wurde von einem Erlöser vom Gut-Böse Konflikt, was er ursprünglich vor hatte, zu Lebzeiten zu einem Sektierer (Apg.24:5) und nach seinem Tod zu einem Religionsgründer degradiert. Er hinterließ eine Religion, die Erlösung aber blieb unerledigt. Was ist eine Religion? Eine Religion vertritt zwar das Gute und sie möchte ihre Mitglieder zu guten Menschen machen, aber alle großen Religionen warten noch auf die Erlösung. Auch in den christlichen Religionen ist die vollständige Erlösung noch ausständig. (Röm.8:19 und 23-25)
Der Gut-Böse Konflikt erfreut sich auch heute, 2000 meist blutige und von Aufspaltung gekennzeichnete Jahre nach dem Tod Jesu (selbst die beiden Weltkriege gingen von christlichen Ländern aus) bester Gesundheit und breiter, allgemeiner Akzeptanz. Von einem Himmelreich auf Erden, das Jesus im "Vater unser" anspricht, wenn er sagt: "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden" sind auch die aufgespaltenen Christentümer offenbar noch weit entfernt.
Eine Lehre aber können wir aus der Geschichte ziehen, nämlich, daß jemand, der das befreiende "Prinzip" in die Gut-Böse Ebene hineinbringen möchte verfolgt, zurückgewiesen, zum Sektierer und Gotteslästerer gestempelt und möglicherweise gar getötet wird. Jesus fand sich selbst auch in dieser Situation. Er konnte über Jerusalem nur mehr weinen, als er auf die Stadt seiner Hoffnungen aber auch seines Schicksals von einem Berg herabblickte und klagte: "Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, wie eine Henne ihre Kücken unter ihre Flügel sammelt, aber du hast die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt. (Luk.13:34)
Das "Prinzip", das "Böse" und die Sexualität
Andererseits betrachten viele Leute z.B. die Sexualität als etwas böses und verwerfliches, ja sie sehen in ihr den Ursprung des Bösen schlechthin. Solche Personen bleiben oft ein Leben lang allein oder verzichten in zölibatärer Einsamkeit auf die Freuden einer sexuellen Bindung und einer Familie. Aus der Sicht des "Prinzips" jedoch, das wie gesagt über Gut und Böse steht und schon vor Gut und Böse da war, ist Sexualität etwas grundlegendes, reines, etwas, was vom Menschen niemals getrennt werden kann. Sie ist der Treffpunkt, wo ein Mann und eine Frau zusammenkommen und sich in ehelicher Liebe vereinigen. Sie ist der Platz, wo ihre Intimität, ihre immerwährende Freundschaft, ihre Geborgenheit, Sicherheit und Nestwärme verankert ist. Wie die Liebe der geistige, so ist die Sexualität der physische Grundstein einer Familie - auch im über Gut und Böse stehenden "Prinzip".
Das großartigste Resultat einer solchen Verbindung ist ein aus dieser Intimität, Freude, Geborgenheit, Sicherheit, Verläßlichkeit und Nestwärme entstandenes Kind. Gibt es eine größere und reinere Freude als ein Kind? Gibt es Vermehrung ohne Sexualität? Die höchste Stufe wo sich die Schöpferkraft Gottes mit der Schöpferkraft des Menschen vereinigt, um gemeinsam das wertvollste zu schaffen, das es überhaupt gibt - ein Kind - ist nur über das Tor der Sexualität erreichbar. Laut "Prinzipien" ist und war der Mensch (so wie auch Gott, in dessen Bild der Mensch letztlich geschaffen wurde, (Gen.1:26) immer ein geschlechtliches Wesen. Jeder von uns wird als Mann oder Frau geboren und wir behalten unser Geschlecht für immer bei. Auch Jesus war ein Mann, der den göttlichen Auftrag "Seid fruchtbar, mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan" auch nur mit einer Frau und eigenen Kindern hätte erfüllen können. Wir Menschen können die Erfüllung unseres Lebensglücks niemals erreichen, solange wir unsere Geschlechtlichkeit nicht im Sinne des "Prinzips" entwickeln und ausbilden und schon gar nicht, solange wir diesen wichtigen Teil unserer Persönlichkeit zu verneinen, abzulehnen oder wegzuschieben versuchen.
Aber natürlich kann man die Sexualität auch mißbrauchen. Ja die Entstehung von Gut und Böse hat ganz direkt mit dem Mißbrauch der Sexualität zu tun. Sie wurde beschmutzt und besudelt und wurde zur umstrittensten Sache, die die Menschheitsgeschichte kennt. Das Verhältnis des Menschen zu seiner Sexualität reicht von völliger Zurückweisung über Genuß- und Freudenbringer bis hin zum Objekt höchster Begierde und äußerster Perversität und Brutalität.
Dennoch ist Sexualität nicht der Ursprung von Gut und Böse. Es ist vielmehr so, daß auch "Gut und Böse" nur über die Sexualität, die ja das "Tor zur Vermehrung" ist, sozusagen gezeugt, geboren und vermehrt werden konnten, d.h. auch Gut und Böse wurden geboren, undzwar mit Hilfe der Sexualität. Nur auf diesem Weg konnte der Gut-Böse Konflikt gezeugt und geboren werden. Ohne Sexualität, als grundlegende Voraussetzung für Zeugung und Vererbung, hätte auch der Gut-Böse Konflikt niemals entstehen und solche Ausmaße annehmen können. Nur auf diesem Weg konnte er von einer Generation auf die nächste weitergegeben werden. Auf diesem Weg hat auch jeder von uns diesen zermürbenden Konflikt ererbt.
Dieser Gut-Böse Konflikt steckt tief in jedem einzelnen und versucht unablässig uns dazu zu bringen, ihn als "Ursprungsprinzip" anzuerkennen - wie man beobachten kann, mit großem Erfolg. Solange ihn Menschen als Ursprungsprinzip akzeptieren, ist sein Fortbestand auf jeden Fall gesichert. Jeder, der den Gut-Böse Konflikt als Ursprungsprinzip anerkennt, verteidigt und seinen Lebensstil darauf aufbaut, nimmt sich damit selbst jede nur erdenkliche Chance zum dahinterliegenden "Prinzip" vorzudringen.
V. Ein Geschenk für die Menschheit
Alle Religionen erwarten auf ihre Art eine Erlösung. Im konkreten Fall mögen die Vorstellungen über Erlösung mehr oder weniger stark voneinander abweichen. In einem Punkt aber sind sich die Religionen ziemlich einig: Erlösung ist die Befreiung vom Gut-Böse Konflikt. Das, was danach kommt, mag viele Namen haben. Im christlichen Bereich wird es als Himmelreich bezeichnet. Das heißt nichts anderes, als ein Leben im Einklang mit dem "Prinzip".
Zu den größten Errungenschaften, die die Perspektiven der Vereinigungsprinzipien der Menschheit schenken, gehört zweifelsohne die Darlegung des Prinzips, des Ideals wie es dort auch genannt wird. Weiters schenken uns die Vereinigungsprinzipien zum ersten Mal in der Geschichte Klarheit über die Entstehungsgeschichte von Gut und Böse. Der dritte und für unsere Zeit möglicherweise wichtigste Punkt, den die "Prinzipien" in verständlicher Form uns schenken, ist das Wissen über den Wert und vor allem über den Weg der Wiederherstellung, der vom Gut-Böse-Zwiespalt beherrschten Menschheit und Welt, hin zum ursprünglichen "Prinzip".
Nehmen Sie sich bitte Zeit, die Vereinigungsprinzipien,
oder auch nur Teile daraus, in Ruhe durchzustudieren. Stellen Sie von
Anfang
an eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis her und probieren Sie
alles
im täglichen Leben aus. Sie werden deren praktischen Nutzen selbst
erleben. Um davon zu profitieren, müssen Sie keiner Organisation
beitreten.
Sie müssen auch keine bestehende Mitgliedschaft in einer Religion,
in einer politischen Partei oder anderswo kündigen. Die
Vereinigungsprinzipien
sind ein Geschenk an die ganze Menschheit, die jeder in seinem eigenen
Leben, in seiner Familie, in seinem Bekanntenkreis, in seinem Berufs-
und
Privatleben und in seiner Religion anwenden kann.
Anhang -Bibelstellen
1) Matt.12:1-8 Zu jener Zeit ging Jesus am Sabbat durch die Saaten; es hungerte aber seine Jünger, und sie fingen an, Ähren abzupflücken und zu essen. 2 Als aber die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat zu tun nicht erlaubt ist. 3 Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und die bei ihm waren hungerte? 4 Wie er in das Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, die er nicht essen durfte, noch die bei ihm waren, sondern allein die Priester? 5 Oder habt ihr nicht in dem Gesetz gelesen, daß am Sabbat die Priester in dem Tempel den Sabbat entheiligen und [doch] schuldlos sind? 6 Ich sage euch aber: Größeres als der Tempel ist hier. 7 Wenn ihr aber erkannt hättet, was das heißt: `Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer, so würdet ihr die Schuldlosen nicht verurteilt haben. 8 Denn der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats.
2) Mk.3:1-6 Und er ging wieder in die Synagoge; und es war dort ein Mensch, der eine verdorrte Hand hatte. 2 Und sie lauerten auf ihn, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn anklagen könnten. 3 Und er spricht zu dem Menschen, der die verdorrte Hand hatte: Steh auf [und tritt] in die Mitte! 4 Und er spricht zu ihnen: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten? Sie aber schwiegen. 5 Und er blickte auf sie umher mit Zorn, betrübt über die Verhärtung ihres Herzens, und spricht zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus, und seine Hand wurde wiederhergestellt. 6 Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten mit den Herodianern sofort Rat gegen ihn, wie sie ihn umbrächten.
3) Matt.9:9-13 Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen mit Namen Matthäus am Zollhaus sitzen, und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach. 10 Und es geschah, als er in dem Haus zu Tisch lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Und als die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als aber er es hörte, sprach er: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das ist: `Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer. Denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.
4) Luk.20:20 ff Und sie beobachteten [ihn] und sandten Auflauerer aus, die sich stellten, als ob sie fromm wären, um ihn in der Rede zu fangen, damit sie ihn der Obrigkeit und der Macht des Statthalters überliefern könnten. 21 Und sie fragten ihn und sagten: Lehrer, wir wissen, daß du recht redest und lehrst und die Person nicht ansiehst, sondern den Weg Gottes in Wahrheit lehrst. 22 Ist es uns erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht? 23 Aber er nahm ihre Arglist wahr und sprach zu ihnen: Was versucht ihr mich? 24 Zeigt mir einen Denar! Wessen Bild und Aufschrift hat er? Sie aber antworteten und sprachen: Des Kaisers. 25 Er aber sprach zu ihnen: Gebt daher dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. 26 Und sie konnten ihn in [seinem] Wort vor dem Volk nicht fangen; und sie verwunderten sich über seine Antwort und schwiegen.
5) Matt.9:1-3 Und er stieg in das Schiff, setzte über und kam in seine eigene Stadt. 2 Und siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bett lag; und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei guten Mutes, mein Sohn, deine Sünden sind vergeben. 3 Und siehe, einige von den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert Gott.
6) Luk.22:34-40 Als aber die Pharisäer hörten, daß er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, versammelten sie sich miteinander. 35 Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: 36 Lehrer, welches ist das größte Gebot in dem Gesetz? 37 Er aber sprach zu ihm: `Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. 38 Dies ist das größte und erste Gebot. 39 Das zweite aber ist ihm gleich: `Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 40 An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
7) Joh.8:37-42 Ich weiß, daß ihr Abrahams Nachkommen seid; aber ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort nicht Raum in euch findet. 38 Ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen habe; auch ihr nun mögt tun, was ihr von eurem Vater gehört habt. 39 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Jesus spricht zu ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so würdet ihr die Werke Abrahams tun; 40 jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der die Wahrheit zu euch geredet hat, die ich von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan. 41 Ihr tut die Werke eures Vaters. Sie sprachen zu ihm: Wir sind nicht durch Hurerei geboren; wir haben einen Vater, Gott. 42 Jesus sprach zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, so würdet ihr mich lieben, denn ich bin von Gott ausgegangen und gekommen; denn ich bin auch nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt.
8) Luk.18:9-14 Er sprach aber auch zu einigen, die auf sich selbst vertrauten, daß sie gerecht seien, und die übrigen für nichts achteten, dieses Gleichnis: 10 Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen der Menschen: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche, ich verzehnte alles, was ich erwerbe. 13 Und der Zöllner stand von fern und wollte sogar die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus im Gegensatz zu jenem; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
9) Apg.24:5 Denn wir haben diesen Mann als eine Pest befunden und als einen, der unter allen Juden, die auf dem Erdkreis sind, Aufruhr erregt, und als einen Anführer der Sekte der Nazoräer.
10) Röm.8:19u.23-24 Denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes.... 23 Nicht allein aber [sie], sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst und erwarten die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes. 24 Denn auf Hoffnung hin sind wir errettet worden. Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung. Denn wer hofft, was er sieht? 25 Wenn wir aber das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir mit Ausharren.
11) Gen. 1:26-28 Und Gott sprach:
Laßt
uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! Sie sollen
herrschen
über die Fische des Meeres und über die Vögel des
Himmels
und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle
kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen! 27 Und Gott schuf den
Menschen
nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann
und
Frau schuf er sie. 28 Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu
ihnen:
Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht
sie
[euch] untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und
über
die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der
Erde
regen!